Lebens­mittel­ver­schwen­dung: Sag zum Abschied leise Servus - +43


Akut

Samstag, kurz vor Kassaschluss, und die Regale immer noch proppenvoll mit Obstsalat und Schnittobst. Nina Brenner dokumentiert die ganz normale Realität in einem Merkur-Geschäft in der Wiener InnenstadtAls Konsumentin packt sie ihren Unmut auf Facebook, verpasst der Supermarktkette Merkur einen Shitstorm und löst eine virale Diskussion über Lebensmittelverschwendung aus. 

Es ist Pfingst-Samstag. Kurz vor Ladenschluss, gerade noch Zeit um für den schnellen Wochenendeinkauf in den Laden zu huschen. Nicht irgendein Laden, sondern das Merkur-Flaggschiff im ersten Wiener Gemeindebezirk.  Dabei dokumentiert die junge Konsumentin die stinknormalen Auswüchse unserer Wohlstandsgesellschaft. Noch um 17.50 Uhr waren die Kühlregale für verzehrfertig aufgeschnittenes Frischobst. Ja, so nennt man das, wenn Äpfel, Bananen, Ananas und Melonen in Scheiben und Viertel geschnippelt werden in einer Kunststoff-Tasse landen. Vertrauensvoll wandte sich Brenner an einen Mitarbeiter, der ihr zuraunte, dass „die Sachen entsorgt“ würden. Und warum diese nicht rabattiert abgegeben würden, gab sie zurück. Weil dies nicht zu den Kunden im 1. Bezirk passe, hieß es.

Shitstorm zieht über Merkur

Brenner schoss ein paar Beweisfotos von der Obstsalat-Flut und platzierte ihre Kritik zielsicher auf der der Merkur-Seite. Die unmittelbare Folge: Der Beitrag geht „viral“, 1000e Likes und unzählige verständnislose bis hochemotionale Kommentare über die Praxis im Lebensmittelhandel im speziellen und Verschwendung von Lebensmitteln im allgemeinen.

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“Alles zu jeder Zeit” führt zu Verschwendung.

Entsetzen bei den Usern

Nicht nur Brenner war schockiert: „Mir ist bekannt, dass leider viel zu viel weggeworfen wird, aber in diesem Ausmaß hab ich es noch nie erlebt. In diesem Supermarkt muss wohl bis zur letzten Minute den Kunden das Gefühl gegeben werden, dass alles noch im Übermaß vorhanden ist und alle Regale prall gefüllt sind. Es war das erste Mal, dass ich überaus traurig und nachdenklich in einem Laden stand und wusste, dass ich hier nie wieder einkaufen werde.“

Die Empörung zog weite Kreise und unzählige Facebook-User schossen sich auf Merkur ein:

Helena Lechner  Leider trauriger Alltag. Wenn man bedenkt, dass laut einer Statistik allein in Europa jährlich soviel geniessbare Lebensmittel in der Tonne landen, dass man 2x den Welthunger stillen könnte. 😢😢😢😢

Ina Wilke  es ist so traurig, was ist das für eine Gesellschaft

Florian Mattmüller  Verkehrte Welt echt.

Christine Bachmann  Wilkommen in der ” neuen” Welt :(

Tamara Szabo  Wieso können solche Lebensmittel nicht einfach gespendet werden?
Das ist echt ein Witz wie viel in Österreich weggeworfen wird …

Christina Krcil  Diese Wegwerferei von den Lebensmitteln in Wien ist sowieso zum Kotzen – selbst wenn die Supermärkte wollten, wird es durch total irrwitzige Gesetze verhindert, dass Lebensmittel an karitative Vereine gegeben/verschenkt wird!!!

Silvia Maria  man könnte die Produkte ja nach ladenschluss zur freien entnahme aufstellen. dann spart sich merkur die entsorgungskosten und vielen Menschen wäre geholfen …

Luca Mercedes  Es wird Zeit endlich weniger Dinge wegzuwerfen, Dinge in Plastik einzupacken (die haben ne Schale, wieso in Plastik einpacken). Es wird Zeit das alle Supermärkte & Verbraucher an einem Strang ziehen.

Jesus Castillo  ”Frisch von gestern”: Eine nette Initiative, die ich in Zürich erlebt habe. Ein kleines Geschäft in der Innenstadt verkauft hauptsächlich Gebackenes aus dem Vortag um den halben Preis … Finde ich toll!

Merkur setzt sich zur Wehr

7000 Likes, 500 Kommentare und fast 500 Shares konnte auch Merkur nicht ignorieren und wandte sich in einem Posting an die aufgebrachten Kunden.

„Als Lebensmitteleinzelhändler bewegen wir uns im Spannungsfeld zwischen Ausverkaufssituationen und einem vielfältigen Angebot: Wir wollen euch auch beim späten Einkauf Vielfalt bieten, gleichzeitig so gut kalkulieren, dass keine Lebensmittel entsorgt werden müssen.

Deshalb arbeiten wir bereits seit mehr als 10 Jahren mit karitativen Einrichtungen zusammen und versuchen alle Waren, welche nicht mehr verkaufs-, aber noch verzehrfähig sind, weiterzugeben. Das sind in Wien z.B. die Wiener Tafel oder in Niederösterreich, Oberösterreich und Kärnten die SOMA-Märkte. In unseren Märkten österreichweit haben wir insgesamt über 140 Kooperationen laufen, um Lebensmittelverschwendung zu vermeiden.

Merkur betonte, dass sie den Vorfall „sehr ernst“ nehmen und dem auf den Grund gehen wollen.

Rewe-Sprecher Paul Pöttschacher verteidigte auf kurier.at den Schnittobst-Irrsinn: „Das von der Kundin in dem Facebook-Posting angesprochene Angebot an essfertigem Obst entspricht dem prognostizierten Absatz in diesem Markt am Samstag vor Pfingsten, einer der umsatzstärksten Tage des Jahres.“ Zudem sei diese Filiale am Hohen Markt nicht repräsentativ für ganz Österreich, weil Flagship-Store, weil anspruchsvolle Kundschaft.

Allzeit-Verfügbarkeit wird zur Dauer-Belastung

Jedes Jahr landen alleine in Österreich 760.000 Tonnen Lebensmittel im Müll. Allerdings wäre es nur die halbe Wahrheit, den Supermärkten die Schuld daran zu geben. Aus der Kommentarliste lassen sich hunderte Postings filtern, die das Konsumentenverhalten anprangert. Alles zu jeder Zeit verfügbar, egal zu welchem Preis und mit welchen Konsequenzen. Das Kernproblem liegt in der gelernten Einstellung, dass wir alles haben können und zwar sofort. Die Allzeit-Verfügbarkeit wird zur Dauerbelastung. Um solche Einstellungen aufzuweichen, werden noch zahllose Entrüstungsstürme übers Land ziehen. Wer sich auf den Wert von bäuerlich produzierter Nahrung besinnt, kommt aber auf des Pudels Kern.