Einwanderung nach Österreich: Sonst holt dich der böse Wolf


Akut

Zuerst waren da nur ein paar Spuren, dann wurden sie deutlich. Plötzlich waren sich die Experten einig: Der Wolf ist wieder da. Seitdem müssen nicht nur die Schafe dran glauben.

Migration von Süden. Was uns zunächst an Mittelmeerroute und Brennergrenze denken lässt, trägt auch einen weit animalischeren Aspekt in sich: Wölfe, die von Italien aus in den Alpenraum einwandern. Fast jeder Wolf in unseren Bergen ist von Italien zugewandert. Das Vordringen der Raubtiere wird insbesondere in Österreich mit Skepsis gesehen. Dass zuletzt auch das Magazin der KronenZeitung dem Raubtier einen Blattaufmacher schenkte, lässt ahnen, dass im Wolf viel Sprengstoff steckt. Anlass für Berichterstattung liefern die Raubtiere quer durch Europa mittlerweile genug.

Auch in österreichischen Medien wird über gehäufte Zwischenfälle mit Wölfen berichtet.

Vorfall: Britische Urlauberin wird in Griechenland von Wölfen zerfleischt

Ende September hat eine britische Urlauberin ihre Freude an antiken Stätten mit dem Tod bezahlt. Sie war mutterseelenallein in der Küstengegend bei Maronia unterwegs als sie offenbar von einem Rudel wilder Wölfe angegriffen und zerfleischt wurde. Die Wirbelsäule konnte bis heute nicht gefunden werden, weil Wölfe Teile der Beute in den Bau schleppen. Für den örtlichen Veterinärmediziner Nikolaus Kifnidis ist erwiesen, dass nur Wölfe die Täter sein können. „In Ausnahmefällen  könne es schon sein, dass auch ein gesunder, nicht hungriger Wolf einen Menschen angreife“, räumt mittlerweile auch deutsche „Die Zeit“ ein. Deutschland hat seine Erfahrung gemacht. Über 60 Wolfsrudel haben sich bereits gebildet. Haufenweise finden sich in den Medien Berichte und Videos von gerissenen Schafen und Wölfen, die sich tagsüber und ohne Scheu in der Nähe menschlicher Siedlungen einfinden. Ohne Scheu, weil Wölfe nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen und der Berner Konvention als streng geschützt gelten. Ergo: Bejagen verboten. Überall in Europa, auch in Italien.

2017, März, auf Skiern unterwegs in den italienischen Abbruzzen. Der Terrain: wild und unzugänglich, kaum bevölkert die Hochtäler und Dörfer. Der hartgefrorene Firn knirscht unter den Skiern, die scharfen Kanten ritzen gerade noch die Schneeoberfläche. Gut, dass wir Harscheisen aufgesetzt haben, sonst wären die eisig gefrorenen, ungleichmäßigen Lawinenkegel nicht sicher zu überqueren. Die Rinne steilt sich zum engen Kanal auf, wir arbeiten uns schnaufend in die Höhe, plötzlich über uns, aus den Felsen, Gebell, Gejaule und herabfallende Steine. Als Mitteleuropäer denkt man instinktiv an wilde Hunde. Ein Blick nach oben offenbart den Trugschluss: Wir werden Zeugen einer wilden Jagd – ein Rudel Wölfe ist hinter flinken Gemsen her, die sich schnell querend und weitere Steinlawinen lostretend aus dem Gefahrenbereich bringen.

„Naive Naturschützer wollen weltfremd mit dem Wolf zusammenleben“

Nicht ganz so geht es in Österreich zu. Aber er ist wieder da. Plötzlich fehlen den Almbauern Lämmer oder Schafe oder gefühlt ganze Herden. Die Kadaver sind wild zugerichtet – aufgerissen, ausgeweidet, kaum je aufgefressen. Zerstörung pur. Jeder, der diese Bilder sieht, weiß intuitiv, ein Raubtier hat in der gezähmten, eingezäunten und nach allen Regeln der Kunst kultivierten Almlandschaft eigentlich nichts verloren. Ein Raubtier, das ungezügelt und unkontrollierbar seinen Instinkten gehorcht, passt nicht in die gerodete Idylle einer friedlichen Almwiese. Ein wilder Wolf, unterwegs in unseren Wäldern. Das sorgt für Unruhe, Aufregung und bald schreit jemand: „Skandal!“ Die Existenz eines frei herumlaufenden Wolfes ist in unserer Welt ein untolerierbarer Störfall. Für gewöhnlich schalten wir mit allen Mittel jedes Restrisiko aus, das die Natur bereithält, wir bauen Lawinenschutzwände, gehen mit GPS spazieren und versehen jeden Wanderstock mit Sicherheitshinweisen – und dann kreuzt ein Raubtier unseren Weg. „Eine einfache Antwort darauf, ob ein Zusammenleben möglich ist, habe ich nicht“, sagt dazu auch Österreichs Wolfsexperte Georg Rauer vom Institut für Wildtierkunde und Ökologie an der Vetmed-Uni Wien. Emotionale Ablehnung trifft nämlich auf eine idyllische Naturvorstellung von „naiven Naturschützern aus der Stadt, die völlig weltfremd mit dem Wolf zusammenleben wollen“. Dabei müsse man die Leute zu neuem Verhalten erziehen. Strikt verboten sei es etwa, Wölfe zu füttern. Weil die Tiere dadurch ihre instinktive Scheu vor dem Menschen verlieren und ihn mit der Futterquelle identifizieren.

Wolfsichtungen auf Almen, in Wäldern, aber auch nahe Wohnräumen nehmen zu

Wolf-Spotting statt Buttermilch auf der Alm

Praktisch alle Wölfe, die in den Alpen leben stammen aus Italien. Auch dort befanden sie sich bis vor fast 50 Jahren am Rande der Ausrottung: 1970 gab es in unserem südlichen Nachbarland nur noch rund 100 Exemplare. Durch Schutzmaßnahmen hat sich der Bestand allerdings wieder auf 1.800 Tiere erholt, die vor allem am Appenin leben. Während die Bevölkerung in Mittelitalien die Entwicklung laut Experten eher gelassen sieht, wird der Wolf in den Alpen oft als Störfaktor empfunden. Heimische Viehzüchter sehen schwarz für eine Koexistenz. Wenig überraschend. Wenn sich der Wolf neuerlich etablieren darf, wird dies zwangsläufig Folgen haben für die Tierhaltung und die Beweidung in den Alpen. Was, wenn die Folge verwilderte Almen sind, die nicht mehr bestoßen werden. Wenn die Tiere verstärkt in den sicheren Ställen der Täler konzentriert werden müssen. Will die Gesellschaft eine neuerliche Verwilderung einer Kulturlandschaft. Und die Landwirtschaft? „Die Almwirtschaft ist sowieso unter Druck. Der Wolf macht es noch schwieriger“, weiß Rauer. Weil bei vielen Bergbauern halt ein paar Schafe mitlaufen, für die sich gar kein eigener Herdenschutz lohnen würde. „Das sind unsere Traditionen. Große Schafherden haben wir ja nicht.“

Was lassen sich die Tourismusverantwortlichen dann einfallen, wenn sich das Umfeld der Wanderwege rapide ändern sollte. Eine gänzlich veränderte Inszenierung der Bergregionen? Wolf-Spotting statt Buttermilch. Tatsächlich sind das die hauptsächlichen Problemfelder: Der Schutz der Herdentiere auf den Sommerweisen und die Verträglichkeit mit dem Tourismus. Schafe und Ziegen, die sich ohne Elektrozäune, Hirten und spezielle Hunde als Bodyguards ihres Lebens nicht mehr sicher sein können. Allerdings mit dem Nachteil, dass die scharfen Hunde auch für Wanderer und Radfahrer lästig werden können. Weil sie generell auf Eindringliche programmiert sind. Hier beschwichtigt Rauer: „Die Hunde sind geprüft und auf den Wolf gedrillt.“ Bislang sind in Österreich, im Gegensatz zur Schweiz, noch wenige Wölfe unterwegs. Ein Rudel hat sich allerdings im niederösterreichischen Allentsteig angesiedelt. „Durch die Abgeschlossenheit gibt es dort einen hohen Wildbestand“, erklärt Wolfkoordinator Rauer. Das Verhalten der Tiere sei dort „nicht außergewöhnlich“. Generell könne die Situation für die Jäger und Förster aber schwierig werden, wenn das Rotwild von den eingerichteten Fütterungsstellen vertrieben wird, statt dessen Knospen und Triebe verbeißt und junge Bäume schält. Kurzum: „Im Spannungsfeld zwischen Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Jagd macht es der Wolf nicht leichter. Er ist in diese Pokerrunde gerade neu eingestiegen“, sieht Rauer im Wolf eine konfliktträchtige Tatsache, die uns auch in Österreich immer intensiver beschäftigen wird.

Der Wolf vor der Haustür – Das Raubtier kehrt zurück.

Die „Zdf“-Reportage „Der Wolf vor der Haustür – Ein Räuber kehrt zurück“ geht der Frage nach, ob ein konfliktfreies Zusammenleben mit den geschützten Tieren denkbar ist.