Insekten essen: Igitt, die Heuschrecken sind im Anmarsch!


Innovation

Plötzlich bevölkern Heuschrecken unsere Teller. Sind Insekten der neueste heilige Gral beim Essen? Oder gar eine unentdeckte Produktionsnische für heimische Bauern? Aus europäischer Sicht sagen wir ‚Nein’, aber wer das Problem Welternährung als Ganzes im Auge hat, kommt in Zukunft an den proteinstrotzenden Insekten wahrscheinlich gar nicht vorbei.

Ladenhüter gibt es bei Babettes, Wiens bestsortiertestem Magazin für Kochbücher, wenige. Viele der frisch auf den Markt gebrachten Kochbücher über die allerneuesten Fermentier-Techniken, ausgefeilte „Nose to tail“-Konzepte oder „Gemüse – das neue Fleisch“ gehen weg wie die warmen Semmeln. Das „Insekten Kochbuch“ gehört zweifelsohne nicht dazu. Andreas, der Buchhändler, macht kein Hehl daraus. Der abgeklärte Blondschopf raunt mir gedämpft zu: „Das haben wir schon ziemlich lange. Deshalb würde es mich freuen, wenn du es kaufst.“ Was sich zwischen schwarzen Buchdeckeln findet, sind Rezepte für Heuschrecken, Buffalowürmer & Co. Und zwar vom pikant gewürzten Appetizer bis zur feinen Patisserie, wo sich feine Mehlwürmer auf der edlen Zartbitter-Schokoglasur räkeln. Insekten auf dem Teller – das große Coming-out oder soon steht wohl noch bevor.

Insektenverzehr der neue Ernährungstrend?

Und dennoch: Der Welthunger nach Protein steigt, das klassische Fleisch bringt so seine produktionstechnischen Probleme mit sich. Brasilianische Regenwälder, die dem Soja weichen müssen. Schweine, die sich in Weltmarktställen drängeln und CO2-unfreundliches Methan in die Luft furzen. Konsumenten, die in der Mehrheit immer weniger an die Verheißungen der Lebensmittelindustrie von gut, billig und sauber glauben wollen und in der Minderheit mehr Geld für nachhaltige erzeugtes Qualitätsfleisch in die Hand nehmen. Entomophagy, der Fachbegriff, für den menschlichen Insektenverzehr als neuer Ernährungstrend?

Fast 2000 essbare Insekten

1900 Insektenarten werden als essbar gelistet. An so einer Heuschrecke mag nicht viel dran sein. Andererseits gibt es sprichwörtliche Schwärme davon. Das Bild das hier generiert wird, kennt der westlichen Konsummensch nur allzu gut. Fülle, Überfluss, Verfügbarkeit – ja, so soll die Beschaffung von Nahrung sein. Demgegenüber steckt das ganze Thema noch in den Kinderschuhen. Christoph Thomann handelt in Wien mit einigen handverlesenen Insektenprodukten zu 20 oder 40 Gramm die Packung Heuschrecke & Co. – gefriergetrocknet, gefroren oder gemahlen. „Insekten schmecken hervorragend. Sie sind gesund und sparen CO2. Aber noch sind Preise sehr hoch, das Angebot überschaubar. Wir arbeiten aber gemeinsam mit Unis und Forschungseinrichtungen daran, es zum wirklich nachhaltigen Lebensmittel zu machen“, sagt der Insekten-Ess-Pionier, der seine Ware in Zukunft regional beziehen will. Momentan ist die Community noch auf Bauern bzw. Produzenten in den Niederlanden, Belgien oder Großbritannien angewiesen.

Insekten liefern Eiweiß, sind gesund und sparen CO2. Die Preise sind noch sehr hoch und das Angebot ist überschaubar.

Neben der Herkunft wirkt auch ihr Erscheinungsbild gewöhnungsbedürftig. Ob die sechsbeinigen, mitunter auch noch geflügelten, Mini-Tierchen appetitanregend sind, ist zumindest fraglich. Bei der Heuschrecke kann der Europäer noch halbwegs mit. Wer mit der Bezeichnung „Garnelen der Lüfte“ hantiert, könnte die Fantasie potenzieller Esser schon in die gute Richtung lenken. Gänzlich anders, wenn Maden oder Würmer ins Spiel kommen. Ob umrahmt von buntem Gärtnersalat oder als Wok-Zutat. No go, sicher für die meisten von uns.

Asien und Afrika haben Insekten bereits am Speiseplan

Dennoch: Bereits die erkleckliche Menge von über 2 Milliarden Menschen, vorzugsweise Asiaten und Afrikaner, haben Insekten bereits am Speiseplan, die auch von westlichen Ernährungsphysiologen als Superwaffe für den ausgewogenen Speisezettel UND gegen den Welthunger lobpreisen.

Essbare Insekten wie Heuschrecken, Grillen oder Mehlwürmer zeichnen sich durch qualitativ hochwertige Proteine mit ausgezeichneten Aminosäure-Spektren aus und verfügen über für den Menschen lebensnotwendige Nährstoffe wie ungesättigte Fettsäuren, Eisen, Zink sowie viele Vitamine. Und zum Thema Effizienz: 80 bis 90 Prozent des Lebendgewichts sind verwert- und somit essbar. Bei einem Rind grade mal schlappe 40 Prozent. Ökonomisch dürfte damit alles gesagt sein. Durch die platzsparende Zucht entstehen weniger Treibhausgase und Abfälle, insbesondere im Vergleich zu Säugetieren.

Anziehend für Experimentelle, Vegetarier und Fleischesser

Thomann hat aus dem neuen Credo von ethisch korrekter Ernährung mittlerweile ein Business gemacht. Unter insektenessen.at ist er auf Kochkurse spezialisiert. Auf der Homepage schwenken fröhliche Gesichter Buffalowürmer, Heimchen oder Wanderheuschrecken in Sesamöl. Thomann zufolge haben bereits 30 Kochkurse stattgefunden. Die Motive der Teilnehmer deuten in die experimentelle Ecke. Einfach mal was Neues ausprobieren, sagen sich da Vegetarier und Fleischesser gleichermaßen. Ob die Produktentwicklung nachzieht und auch heimische Bauern in die Insekten-Produktion einsteigen, würde sich dann auch am Buchabsatz bei Babettes ablesen lassen.