Spur halten, lenken und bremsen waren früher – heute erledigen das computergesteuerte Kopiloten. Autonomes Fahren: Übernehmen die Maschinen das Steuer?


Innovation

Selbstfahrende Autos wollen Sicherheit mit Bequemlichkeit vereinen. Spur halten, lenken und bremsen waren früher – heute erledigen das computergesteuerte Kopiloten. Autonomes Fahren: Übernehmen die Maschinen das Steuer? 

Willkommen in einer neuen Ära der computergesteuerten Mobilität. Was mit Schaltautomatik begonnen hat, wird jetzt kompletter. Mit nützlichen Hilfsprogrammen wie magischem Fernlicht, Abstandsmesser, Tempomat oder dem cleveren Spurassistenten. Das Lenkrad vibriert, der Wagen steuert sanft in die Fahrbahnmitte und gibt dem Fahrer unmissverständlich zu verstehen, dass er seiner Spur gerade untreu geworden ist. Eine Standardsituation aus einem hochgerüsteten Oberklassewagen, wo der Computer sagt, was Sache ist. Zumindest zeitweise. Denn bislang bleibt die Souveränität noch beim Fahrer. Aber die Assistenten werden von den Digitalingenieuren bei BMW, Volvo oder Audi schon mal auf ihre neuen Aufgaben gedrillt. Bis das selbstfahrende Auto wirklich funktioniert, müssen die Computer allerdings noch ziemlich viel lernen. Richtig sehen, zum Beispiel. Was für die Kameraaugen bei Straßen mit unvollständigen Randlinien im Moment unmöglich ist. Richtig einschätzen, zum Beispiel, was bei unvorhersehbaren Situation oder rasch wechselnden Lichtverhältnissen noch die Radarsysteme überfordert. Oder auch rechtzeitig bremsen und lenken. So kommt es leider vor, dass der Robo-Kopilot den Fahrer mit plötzlichem Ausscheren überrascht. Oder in einer Kurve einfach mal schnurstracks gradeausfährt. Einigermaßen irritierend, wenn man sich auf langen Autobahnkilometern und dutzenden Überholmanövern gerade mal überwunden hat, dem Computer zu vertrauen und seine Zuverlässigkeit für bare Münze nimmt.

Autonomes Fahren schläfert den Geist ein

Hier liegt die Krux des unterstützten Fahrens begraben. Psychologen sagen, dass es schwer fällt, sich auf die reine Überwachungsarbeit zu konzentrieren. Es falle dem menschlichen Geist schwer, die notwendige „schwebende Aufmerksamkeit“ aufzubringen. Noch schwerer fällt diese, wenn die meiste Zeit über nichts passiert. „Monotone Überwachungsjobs empfinden wir in der Regel als stressig“, sagt der österreichische Verkehrspsychologe Gregor Bartl. „Es ist auch nicht bewiesen, dass automatisiertes Fahren sicherer ist.“ Selbiges gelte auch für das teilautomatische Fahren – etwa den Abstands-Regler. Denn der Mensch neige dazu, gesteigerte Sicherheit durch riskanteres Fahren zu konterkarieren. Eine Erfahrung, die sich in anderen Bereichen bestätigt hat: Seit es Lawinen-Airbag-Rucksacke gibt fahren tendenziell mehr Skifahrer bei hohen Lawinenwarnstufen in steile Hänge ein als ohne Ausrüstung. Nicht von ungefähr kommt es da, dass in Studien nahezu 90 % der Befragten gegen selbstfahrende Autos aussprechen.

Skandalgeplagte deutsche Autoindustrie kündigt

Dennoch wittert die skandalgeplagte Automobilindustrie Morgenluft. Die Automobilindustrie kündigt das autonome Fahren indes für 2020 auch im Stadtverkehr an. Indes hat Deutschland im März ein Gesetz beschlossen, das selbstfahrende Autos in Serienfahrzeugen auf öffentlichen Autobahnen legalisiert. Ausgelöst von der mächtigen deutschen Automobilindustrie, die sich hier als Leitanbieter für automatisierte Fahrsysteme sieht und ihre Systeme möglichst im Echtbetrieb und ohne Sondergenehmigungen testen will. Keine Angst jetzt vor Robocars, der deutsche Bundestag sieht zwingende Einschränkungen vor. Da ein physischer Lenker jederzeit eingreifen und übernehmen können muss. Vom autonomen Fahren ist man also noch weit entfernt. Das Gesetz regelt somit das sogenannte hoch- und vollautomatisierte Fahren. Diese Entwicklung umfasst Technik, die das Lenken, Beschleunigen und Bremsen für einen bestimmten Zeitraum oder in spezifischen Situationen übernimmt, ohne dass der Fahrer ständig auf der Hut sein muss. Das geht  allerdings weiter als heute verfügbare Systeme, die der Fahrer dauerhaft überwachen muss – weiter auch als der von Tesla fälschlich als “Autopilot” bezeichnete Assistent. Das System erkennt seine Leistungsgrenzen selbst und fordert notfalls den Fahrer auf, das Steuer zu übernehmen, etwa wenn Nebel aufzieht und dadurch die Kamera als Sensor ausfällt. Spätestens in dem Moment dämmert rasch die nützliche Erkenntnis, dass man sich wieder aufs Lenkrad statt auf Whatsapp konzentrieren muss.