Silicon Mountain könnte in Tirol sein! Franz Hörl zeichnet spannende Zukunftsaussichten für sein Land. - +43


Innovation

International erfolgreich hat sich Tirol als das Export- und Tourismusland im Herz der Alpen etabliert. Franz Hörl sieht in den 10 Millionen Gästen und 45 Millionen Nächtigungen keine Lorbeeren auf denen man sich ausruhen darf. Auch 11 Milliarden Euro, die mit Export verdient werden, sind kein Ruhepolster.  Vielmehr gilt es die Expertise des Berglandes einerseits zu bündeln, andererseits auszuweiten. Auf Basis des einzigartigen alpinen Know-how sieht der Touristiker viel Potenzial, aus Tirol ein „Silicon Mountain“ machen.

Plus43: Wer durch die Täler fährt und die teils ziemlich protzige Hotel-Infrastruktur sieht, die sommers wie winters mit zahlenden Gästen gefüllt werden will, und mit den Tourismusregionen im Engadin und Südtirol vergleicht, hat das Gefühl, dass wir mehr von der Masse als von der Klasse leben (müssen). Wo liegt die Zukunft im Tiroler Tourismus?

Franz Hörl: Im Mittelstand der Tiroler Hotellerie gibt es ein Wertschöpfungsproblem. Das muss man offen und klar ansprechen. Der Kostendruck durch den Steuerstandort, Bürokratieaufwand und die steigenden Arbeitskosten ist hoch. Wir können die gestiegenen Preise schwer bei den Gästen durchsetzen. Das bringt eine ganze Branche unter Druck, hemmt Investitionen und Weiterentwicklung. Dennoch bleibt Tirol eine der erfolgreichsten Tourismusregionen der Welt. Aber nur wenn wir diese innovative Kraft freisetzen, können wir von Tirol ausgehend international Maßstäbe setzen. Silicon Valley ist in Kalifornien, ich kann mir vorstellen, dass aus Tirol ein Silicon Mountain wird, wenn man es richtig anstellt.

 Wie stellt man es richtig an?

Wir haben eine international einzigartige Expertise, weil wir in den Bergen leben. Auf steilen Hängen und inmitten unserer Natur. Mit den Gletschern sind wir näher dran am Klimawandel als andere Zonen. Wir sind umso stärker gefordert, Antworten für die Zukunft zu geben. Wenn wir sagen, dass wir uns auskennen, wie man im Gebirge baut, lebt oder arbeitet, dann glaubt man uns das. Silicon Mountain könnte nicht nur unsere starke Standortmarke seine, sondern eine international erfolgreiche Exportmarke.

Der Tiroler Unternehmer Franz Hörl zeichnet spannende Zukunftsaussichten für sein Land.

Mit neuen Uni-Standorten in Reutte oder Lienz hat man nicht gerade den Eindruck, dass hier eine durchdachte Bündelung passiert, sondern Gießkannenpolitik. Ist die Provinzialisierung der richtige Weg?

In Tirol gibt es engagierte Protagonisten auf Uni-Ebene, die sich für den Ausbau des Forschungsstandorts einsetzen. Etwa die Quantenphysik, die längst nobelpreis-verdächtig ist oder die Innsbrucker Krebsforschung. Auch darüber hinaus haben wir einerseits Wissenschafter mit exzellenten Forschungsideen und der Gabe Comet-Forschungsgelder beim Bund abzuholen, andererseits Uni-Manager mit der tollen Fähigkeit, Förderungen für immer neue Studiengänge in Tirol zu lukrieren. Dabei muss das Land Tirol allerdings auch jeweils kräftig kofinanzieren. Eine Gesamtzusammenschau rund um das Stärkefeld „alpine Technologien“ gepaart mit einer wirtschaftlich ausgerichteten Schlagrichtung, wo Unternehmen direkt eingebunden sind und vom Forschungsoutput profitieren, könnte aber besser laufen.

Was stört Sie als Praktiker?

Die Einbindung von Wirtschaft und Industrie muss beidseits ernst genommen werden. Dazu kann ich nur dringend appellieren. Tatsächlich nützen dem Tourismus die Forschungsprojekte zu „Destinationen“, „Zukunft Familienbetriebe“ und „Zukunft Winter“, die systematisch untersuchen wie die touristische Praxis mit der Uni-Forschung verknüpft werden kann und sich in Wertschöpfungs-PS wieder auf die Straße bringen lässt.

Zuletzt wurden „Schneewolken“ in Obergurgl aufgestellt, um die Technologien für nachhaltigen Kunstschnee weiterzuentwickeln. Stellt der Tiroler Wintersport damit auf „nachhaltig“ um?

Bei allem Respekt, aber wie kann man allen Ernstes meinen, dass mit einer singulären Wolke 3.400 Pistenkilometer in Tirol beschneit werden könnten. Das sind Spleens. Dennoch: Nachhaltigkeit ist ein Thema, das man uns international glaubt, weil wir hier inmitten der Natur leben. Da sehe ich riesige Profilierungsmöglichkeiten. An der nachhaltigen Schneeerzeugung muss selbstverständlich weitergeforscht werden, dann werden wir diesen Kinderschuhen entwachsen.

Neue Möglichkeiten bedeuten doch auch immer eine Umlagerung an Fördergeld?

Die Politik kann hier sofort saubere Maßnahmen durch Förderanreize umsetzen – und mit neuen Labels arbeiten – etwa ecoMobility, ecoFood, ecoSport. Könnte gerade auch für die Olympischen Winterspiele 2026 relevant sein, um die sich Tirol bewirbt. Zum energieeffizienten Verkehr habe ich kürzlich eine Studie machen lassen – der Verkehr ist im Wandel. Besser wir gehen hier vor und schauen, wo fossile Motorenantriebe durch Elektro-, Wasserstoffantriebe ersetzt werden könnten. Auch die Seilbahnen könnten viel mehr zur Lösung der Verkehrsprobleme beitragen. Leider sprechen rigide Raumordnungs- und Umweltschutzauflagen dagegen. Wer Silicon Mountain ernst meint, muss vieles anders und neu denken.

Ohne Investitionskraft geht es nicht: Deshalb Steuern runter und mit neuer Liquidität in nachhaltige Projekte hinein, die uns anspruchsvolle Gästeschichten erschließen helfen.

Wieso wird nicht stärker in Richtung Bauen im alpinen Raum, Niedrigenergiekonzepte im Hotelbereich, intelligente wie heimische Rohstoffe für Bauen, Wohnen, Kleidung etc. gedacht?

Das frage ich mich auch. Meine Vision von Silicon Mountain stärkt einerseits die Liquidität und Innovationsfreude der Tiroler Touristiker, damit vermehrt Bauprojekte in Holz, Stein gepaart mit nachhaltiger Technologie realisiert werden können. Die Gäste von heute und erst recht jene von morgen suchen genau dieses Unterscheidungsmerkmal. Ohne Investitionskraft geht das nicht. Deshalb Steuern runter und volle Investitionskraft in neue nachhaltige Projekte, die uns anspruchsvolle Gästeschichten neu erschließen helfen.

Tirol hat den Lebensraum 4.0 ins Leben gerufen. Wer soll das steuern?

Die Innovationstechnologien, die hier in Tirol bereits daheim sind, kommen aus der Medizintechnik, der Robotik, den Erneuerbaren Energien oder eben den Materialwissenschaften für alpines Bauen oder beschichtete Textilien – das gehört gebündelt. Und vor allem mit der Marke Tirol verknüpft. Hinderlich sind da leider die gewachsenen Strukturen, wo einzelne Geschäftsführer von Landesgesellschaften hauptsächlich das Prestige der eigenen Institution im Auge haben. Tirol 4.0 muss sich etablieren und die Anfangsschwierigkeiten überwinden.

Wenn wir über digitale Lebensräume reden, müssen wir auch über das Internet reden. Breitband ein ewiges Versprechen und trotzdem überall im Land Funklöcher. Wo hakt der Glasfaserausbau eigentlich? 

162 Tiroler Gemeinden haben ihr eigenes Glasfasernetz. Was ist mit den übrigen 120? Trotz aller Anstrengungen, trotz Breitbandmilliarde gibt es genügend Flecken in Tirol, wo ich Edge am Handy habe. Also nichts! Solche Infrastrukturen sind aber Schlüsseltechnologie. Dorthin müssen wir investieren, nicht nur in den Konsum und die Staatsausgaben. Dank Fleiß und Begeisterung der Bürgermeister in den Gemeinden, dem Förderwillen des Landes mit 100 Millionen EUR frischem Geld, kann dieses Detailwissen zum Wohle aller umgesetzt werden. Die Probleme liegen an den Schnittstellen zwischen oben und unten, zwischen Breitbandoffensive und Baustellenrealität in den Gemeinden und vor allem an der komplizierten Bundesförderung, die vor allem noch viel zu gering ist . Ich erinnere daran, dass Infrastrukturministerin Doris Bures damals 2 Mrd. EUR versprochen hat.

Das klingt nach noch viel Überzeugungsarbeit und notwendigem Durchsetzungswillen. Ist das eines Ihrer Fokusthemen, sollten Sie in den Nationalrat gewählt werden?

Da können Sie sicher sein! Mehr zu all meinen Themen gibt es auf meiner Seite.

Wir danken für das Gespräch.