Auf Kuschelkurs mit dem Klimawandel: Vom Gletscher bis zum Wein - +43


Wissen

Ob am Gletscher, am Weinberg, in der Luft oder im Wasser, am Land oder in der Stadt. Der Klimawandel liegt wie ein unsichtbarer Mantel über allem und schreckt vor niemandem zurück. Pflanzen, Tiere oder Menschen umhüllt er stumm. In Zukunft wird sich dieser Wandel verfestigen und die damit einhergehenden Folgen werden zunehmend sicht- und spürbar werden. Viele werden sich daran stoßen und nur vereinzelte werden damit kuscheln können.

2016 war das heißeste Jahr seit Beginn der Messungen 1880 und sogar das dritte Jahr in Folge, das den Höchstwert gebrochen hat. Der weltweite CO2-Ausstoß hat sich zwar etwas stabilisiert. Allerdings ist die Konzentration an Kohlendioxid in der Erdatmosphäre 2016 auf ein Rekordniveau geklettert. Die Zunahme im Vorjahr war um 50 Prozent höher als der Durchschnitt der vorangegangen zehn Jahre. Hauptursachen sind die menschlichen Tätigkeiten und das Klimaphänomen El Nino.

USA weiterhin Partner des Pariser Klimaabkommens?

Glücklicherweise finden von 06. bis 17.11.2017 die UN Climate Change Conference statt. Die teilnehmenden Staaten verhandeln über die Umsetzung des 2015 beschlossenen Pariser Klimaabkommens. Dabei dreht sich alles um erneuerbare Energien, mehr Energieeffizienz, Aufforstung und Vermeidung von Waldzerstörung. Wenn das 1,5-Grad-Ziel erreicht werden soll, dürften im Jahr 2030 höchstens noch rund 37 Giga-Tonnen CO2-Äquivalent ausgestoßen werden. Dafür sind umfassende Maßnahmen notwendig, die alle Mitgliedsländer umsetzen müssen. Leider ist die weitere Zusammenarbeit mit den USA fraglich. Denn Donald Trump kündigte an, aus dem Klimaabkommen auszusteigen. Bleibt alles beim Alten, wird 2030 der tägliche CO2-Ausstoß um 16 bis 19 Giga-Tonnen höher sein und fernerhin die Temperaturen und einhergehenden Folgen.

Österreich mehr als andere vom Klimawandel betroffen

In Österreich ist die Durchschnittstemperatur seit 1880 um zwei Grad gestiegen. Im weltweiten Vergleich sind die durchschnittlichen Temperaturen um „nur“ 0,85 Grad hinaufgeklettert. Messungen und Beobachtungen belegen, dass der Klimawandel in Österreich rascher voranschreitet als im globalen Mittel. Der Alpenraum gilt als besonders empfindlich. Das belegt der erste österreichische Klimawandel-Bericht von 2014. Seit 1980 gehen Fläche und Volumen aller Gletscher Österreichs stark zurück. Laut der Zentrale für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) ist bis 2050 die Gletscherzunge der Pasterze am Großglockner, Österreichs größtem Gletscher, vollkommen verschwunden. Innerhalb eines Jahres verliert die stolze Pasterze im unteren Bereich bis zu zehn Meter Eisdicke. Neben diesen Nachrichten scheint es nicht verwunderlich, dass in mittelhohen Lagen um 1.000 Meter in den letzten Jahrzehnten die Dauer der Schneebedeckung abnimmt.

„Als ich ein Kind war, hatten wir acht Hitzetage von über 30 Grad, heute sind es 30.“, meinte Ingmar Hörbarth, Geschäftsführer des österreichischen Klimafonds, damals bei der Veröffentlichung des Klimawandel-Statusberichts und gibt zu bedenken, dass die Temperaturextremen sich markant verändert haben. In den letzten 150 Jahren ergaben sich regionale Unterschiede in der Niederschlagsentwicklung. Im Westen Österreichs ist die jährliche Niederschlagsmenge um bis zu 10 bis 15 Prozent angestiegen. Im Südosten hingegen um den gleichen Wert gesunken. So gibt es immer mehr trockenere und wasserreichere Gebiete.

Die Temperaturen können in Beton- und Asphaltgeprägten Städten und Siedlungsregionen leichter hinauf klettern.

Immer mehr Hitze in Großstädten

Weltweit werden bis zu fast 70 Prozent der Menschen in Städten leben. In Österreich werden es sogar laut Klimaforschern bis zu 80 Prozent der Bevölkerung sein. Die städtische Infrastruktur ist geprägt von Asphalt- und Betonflächen und weißt geringere Grünflächen auf. Daher können Temperaturen in urbanen Siedlungsregionen leichter hinauf kraxeln als in ländlichen und zusätzlich schwerer abkühlen. In manchen Städten und bei gleichbleibenden baulichen Bedingungen wird ein Temperaturanstieg von bis zu acht Grad bis zum Ende des Jahrhunderts prognostiziert.

Von Stürmen vertrieben: Mehr Flüchtlinge

Schon 2015 mussten beinahe 20 Millionen Menschen angesichts der Wetterbedingungen aus ihrem Heimatland wegziehen. Die Migration durch Umweltveränderungen wird weiter zunehmen. Für 2050 prognostiziert die Internationale Organisation für Migration (IOM) die Zahl an Flüchtlingen auf ca. 200 Millionen Menschen. Derzeit gelten Umweltflüchtlinge als Wirtschaftsflüchtlinge. Sie sind offiziell keiner Verfolgung ausgesetzt und haben kein Recht auf Asyl. Laut dem Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) flohen Menschen im Zeitraum von 2008 bis 2015 zu einem Großteil wegen Überschwemmungen, Stürmen, Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüchen und zu einem geringeren Teil wegen Extremtemperaturen, nassen Erdrutschen oder Wald- und Buschbränden.

Klimawandel

Die Varroamilbe konnte leichter den Winter überleben. So machte sie das Leben den Bienen schwer und führte zu einem erheblichen Bienensterben.

Klimawandel beschleunigt Insektensterben

2015 sind die Hälfte der Bienenvölker in Österreich gestorben. Nicht wegen der Kälte, sondern wegen der Wärme. Die Varroamilbe konnte deshalb leichter den Winter überleben und machte das Leben den Bienen schwer. Obendrein beeinträchtigen der milde Herbst und Winter die Ruhezeit der Bienen und reduzieren die Zeit, in der sie eher pausieren.

Durch den kurzen Frühling nimmt überdies die Pflanzenbestäubung ab. Die Zeiten, in den der Hummel- oder Bienenflug beginnt, stimmen immer weniger mit den Blütezeiten der Pflanzen überein. Während es bereits früher Blüten gibt, befinden sich Hummeln oder Bienen meist noch im Winterquartier. Dadurch werden eine geringere Anzahl an Blüten befruchtet.

Fichten verlieren

Während Buchen, Eichen und Tannen vom Klimawandel profitieren, werden es Fichten vermehrt schwerer haben. Daneben sind wärmeliebende Schädlinge wie Kartoffelkäfer, Blattläuse, Maiszünsler oder Borkenkäfer, den trockeneren Temperaturen nicht abgeneigt. Sie können eher im Winter überleben und breiten sich dadurch leichter aus. Zudem tauchen Schädlinge auf, die es vorher noch nicht gegeben hat. Dies kann und führt bereits zu erheblichen Schäden in der Land- und Forstwirtschaft.

Arte-Xenius-Video: Der Klimawandel am Weinberg

Österreichs Weingebiete gewinnen zwar eher mit den wärmeren Temperaturen. Künftig steigt im Alpenraum die Anzahl an für den Weinbau geeigneten Regionen. Hingegen sind für viele europäische Flächen die Veränderungen des Klimas ein Fluch. Einer der Verlierer wird beispielsweise das südfranzösische Weingebiet Languedoc sein. Daher forscht die Region, was sie gegen die höheren Temperaturen und den niedrigeren Niederschlag bereits jetzt tun kann. Wie lange standortangepasste Kulturen, Bewässerungssysteme oder gar ein anderer Zuschnitt, der die Trauben vor der Hitze schützt, die Folgen des Klimawandel in Languedoche eindämmen kann, ist fraglich. Es wird sich zeigen, in welchen Gebieten Europas noch ein Weinanbau möglich ist.

Nur wenige werden vom Klimawandel profitieren. Um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen, sind unbedingt bindende Maßnahmen für alle Mitgliedsländer notwendig.