Grenzenloser Schwindel: Pferdefleisch in Rindfleisch-Lasagne


Wissen

Die armen Rösser konnten eigentlich überhaupt nichts dafür. Null. Und trotzdem mussten sie 2013 für einen Skandal herhalten – den „Pferdefleischskandal“. 750 Tonnen Fleisch von rumänischem Pferdefleisch wurden damals als Rindfleisch deklariert, zu 4,5 Millionen Packungen Fertigessen verarbeitet und in mindestens 13 europäischen Ländern verkauft. Aber wie kamen nochmal all diese Pferde in die Lasagne!? Eine zukunftsgewandte Nachforschung. 

Das Pferd gilt als schön, edel und gut. Es auf dem Teller zu haben, ist hierzulande nicht besonders naheliegend. Es sei denn, es handelt sich um seltene Spezialitäten wie Fohlenschnitzel oder Pferdeleberkäse. Pferdefleisch wird demnach Delikatesse erachtet und meist sehr bewusst ausgesucht. Im früher pferdefleischverliebten Paris soll es dieser Tage noch einen allerletzten Pferdemetzger geben. Besonders weit verbreitet ist dieses Fleisch in Europa heutzutage also nicht.

Nicht so im Jahr 2013: Damals wurden hunderttausende Verbraucher arglistig mit falschen Zutatenlisten getäuscht. Denn statt Rindfleisch wanderte plötzlich massenweise Pferd in die Rezeptur. Und zwar geheim. Als erstes flog der Schwindel in Großbritannien auf. Die britische Lebensmittelüberwachung fand das Fleisch der edlen Tiere in billigen Fertiglasagnen. Nicht etwa beigemischt, sondern meist zu 100%.

Das Fleisch-HändlerKarusell dreht sich 

An Pferdefleisch gibt es ernährungstechnisch keinesfalls etwas auszusetzen. Sofern es artgerecht gehalten und ordnungsgemäß geschlachtet wurde. Doch dieser Etikettenschwindel hatte es von der Dimension her in sich: Schlimm genug, dass kein einziges Gramm des deklarierten Rindfleisches enthalten war. Schlimmer noch: Die Handelswege sind derart verzweigt, was die Experten tagelang tüfteln ließ wie die rumänischen Rösser in die Benelux-Lasagne gekommen sein könnten. Die Fleischberge wurden von einem Händler zum nächsten weitergereicht, teilverarbeitet, weiterverkauft, wiederverarbeitet, weiter verkauft, endverarbeitet, weiter verkauft, verpackt und schließlich – nach mehreren „Stufen“, wird dieser Vorgang in der Industrie genannt – an den Lebensmittelhandel ausgeliefert.

Industrielle Warenströme produzieren Faschiertes der Marke „Irgendwoher“

Dass eine 400 Gramm Lasagne mit hohem Rindfleisch-Anteil zum absoluten Spott-Preis von 1,79 EUR im Einkaufswagen zur Supermarkt-Kasse rollt, ist leider üblich. Auch in Österreich. Um ein Lebensmittel so billig herzustellen, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein: Die Rohstoffe werden weltweit bezogen, in großen Mengen, aus unterschiedlichen Quellen. Möglichst viele Arbeitsschritte werden ausgelagert, fremdbearbeitet, outgesourct. „Optimiert“ sagt der Ökonom dazu und bekommt diesen Schmelz in den Augen.

Beim „Pferdefleischskandal“ wurden über mehrere Monate 750 Tonnen Pferdefleisch in jeweils 25 Kilogramm Säcken aus Rumänien nach Frankreich gekarrt. Einer der Abnehmer, der französische Fleischverarbeiter Spanghero, produziert daraus vermeintlich Rinderfaschiertes. Ein zweiter Verarbeiter, die luxemburgische Tavola, kauft das EU-gekennzeichnete Rinderfaschierte von Spanghero und fabriziert daraus Lasagne und anderes Fertigessen. Liefert dies an die Tiefkühlkostfirmen Findus und Picard.

An der Bestellungsabwicklung waren jedoch auch zwei Händler mit Sitz in Zypern und in den Niederlanden beteiligt. Die Bestellungen wurden an Spanghero weitergeleitet. Rund 200 Tonnen wurden in der französischen Fleischfabrik zu Würsten und Fertiggerichten. Die restlichen 550 Tonnen übernahm Tavola. Mehr als 4,5 Millionen falsch deklarierte Fertigprodukte stellte Tavola ferner für den Industriekonzern Comigel her. Exportiert wurde in 13 EU-Länder. Bamm, das sind Dimensionen, die an die UEFA erinnern. Vom Kriminalitätsniveau aber eher an die FIFA.

Was lernen wir daraus: Je aufwändiger die Herstellung eines Produkts ist, desto schwieriger ist es, Herkunft und Art der Rohstoffe nachzuweisen.  

Gesundheitsministerium und Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit haben seinerzeit blitzartig Kontrollen mit Schwerpunkt auf Fertigprodukte mit Rindfleischinhalt veranlasst. Mit positivem Ergebnis: Auch in Österreich wurde die rumänische Ross-Zutat gefunden. Und zwar in Fertig-Tortelloni, die bei der Supermarkt-Kette Lidl im Regal lagen, und – noch ärgerlicher – in den „Kärntner Hauswürstl“ einer Lavanttaler Fleischerei.

Totale Anonymität der Herkunft in der Kantine

Dabei verlangt die EU seit Jahren eine Herkunftskennzeichnung. Nützlicherweise für die Konsumenten gibts diese bislang für Frischfleisch im Supermarkt. Aus den Frischfleisch-Labels lassen sich Geburtsort, Aufzucht- bzw. Mast- und Schlachtstätte ablesen. Ferner das Land, in dem verpackt wurde. Das ist verpflichtend, da fährt die Eisenbahn drüber. Wer meint, dass damit alles klar sei, geht leider fehl. Denn bei verarbeiteten Fleischprodukten gilt die Regelung weiterhin nicht. Egal ob an der Theke, im Imbissladen, in der Gastronomie oder Schulkantine oder auch im Krankenhaus. Lediglich der Ort des Verarbeiters bzw. des Verpackers muss enthalten sein. Nicht aber die Herkunft eines Tieres. Anders regelt die Schweiz die leidige Herkunftskennzeichnung: Dort müssen Fleisch, Eier und Milch auch in der Gastronomie gelabelt sein. Offenbar kein Nachteil. Denn die Eidgenossen fahren seit zwanzig Jahren offenbar gut damit.

Kommt der Konsumentenschutz der Wirtschaft in die Quere?

Seit einer gefühlten Ewigkeit gibt es auch in der EU zwar heiße Debatten um die Deklarationspflicht. Eine Einigung zwischen Bauern und Konsumenten auf der einen Seite und der Wirtschaft auf der anderen steht aber aus. Offiziell wird auf strenge Kontrollen verwiesen, um Konsumenten vor den allermindesten Betrügereien der Lebensmittelindustrie zu schützen. Und: Vor kriminellen Aktivitäten werde man sich nie lückenlos schützen können, heißt es meist lapidar. Auch in der hiesigen ÖVP schwelt ein internes Match in der Frage der Deklarationspflicht von tierischen Erzeugnissen im Außer-Haus-Konsum. Die Wirtschaftskammer ist gegen und die Landwirtschaftskammer naturgemäß für eine verpflichtende Angabe. Es wäre hoch an der Zeit, endlich eine lückenlose Herkunftsangabe durchzusetzen. Notwendig, für eine bewusste Kaufentscheidung. Dringend notwendig aber vor allem, um die Wertschätzung für das Produkt dorthin zu lenken, wo es eben nicht anonym zugeht. Bei den heimischen Bauern zum Beispiel, quasi in der Nachbarschaft. Die Konsumenten können ja wenig für dieses Transparenzmanko. Außer, dass sie bei der Jagd nach dem Billigsten ziemlich bereitwillig mitmachen. Am unschuldigsten sind aber die Rösser. Die hätten aber auch nicht dagegen, wenn ihr Fleisch nicht in billigem Industrieessen verramscht würde.

****

funktionierende Tipps für die total transparente Lasagne: 

  1. Es gilt folgende Rechnung: Hoher Verarbeitungsgrad mal günstiger Preis multipliziert das Risiko, dass du anonyme Massenware aus ungeklärter Herkunft in deinem Essen findest.
  2. Machs dir doch einfach zur Angewohnheit im Gasthaus nachzufragen, woher das Fleisch auf der Speisekarte kommt.
  3. Bestell bzw. kauf das Produkt nicht, wenn du keine zufriedenstellende Auskunft erhältst.
  4. Entscheide dich bewusst dafür oder dagegen, wenn du eine Info zur Herkunft bekommst. Man muss ja nichts gegen rumänische Pferde oder polnische Schweinezucht haben, man will es ja nur wissen. Und danach entscheiden.

Und 5. Selber kochen! Damit gehst du auf Nr. Sicher, zumal du in jedem Supermarkt ganz gezielt entsprechendes heimisches Fleisch kaufen kannst. Damit bekommst du garantiert österreichische Qualitätsware auf den Teller. Ganz ohne Ross. Es sei denn, du willst eines.

******