Reinhold Messner: In Sibirien ist Platz genug für Wölfe - +43


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Raubtiere wie Wölfe oder Bären zerstören das traditionelle Gefüge der Viehzucht in den Bergen. Für Reinhold Messner gibt es gute Gründe, warum die Raubtiere vor Jahrzehnten verdrängt wurden. Der Südtiroler fordert Gesetze, die Wölfe zum Abschuss freigeben. plus43 hat mit dem weltberühmten Extrembergsteiger und Bauern über Wölfe und deren Rückkehr in den Alpenraum gesprochen.

plus43: Momentan gibt es Erzählungen, dass sich Wölfe in unseren Breiten wieder ansiedeln sollten. Finden Wölfe, quasi als Heimkehrer im Alpenraum, noch Platz in unseren Ballungsräumen?

Egal ob in Südtirol oder in Tirol, in diesen Zonen, die urbanisiert sind und gleichzeitig intensiv landwirtschaftlich genutzt sind, haben Wölfe keinen Platz. Das sind Jäger. Sie reißen Schafe, Ziegen, aber auch Esel oder Kälber. Der Wolf ist schlimmer als der Bär. Beide wurden vor etwa 100, 150 Jahren aus genau diesem Grund ausgerottet. Heute sind unsere Lebensräume noch bei weitem stärker urbanisiert als damals. Wölfe brauchen ein großes Habitat – das haben wir nicht mehr. In Südtirol haben wir keinen Platz, der groß genug ist. In Österreich vielleicht rund um den Großglockner – das weiß ich nicht. Aber in Sibirien ist sicher genug Platz für diese Tiere. Das müssen auch die Tierschützer einsehen.

Ausreichend Platz für Raubtiere gibt es in Sibirien: Das müssen auch die Tierschützer einsehen.

Sie sind ja selber Bauer, glauben Sie, dass ein Kompromiss möglich ist zwischen Viehhaltern und Tierschützern?

Ein Schaf ist gleich viel wert wie einer der Wölfe. Man muss verstehen, dass der Bauer mehr am Schaf hängt, als am Wolf. Wölfe haben bei uns in Sulden einen Yakstier angefallen. Er hatte Einschläge am Hals und ist an einer Blutvergiftung zugrunde gegangen. Die fundamentalistische Haltung der Tierschützer geht nicht zusammen mit den Leuten, die den Wolf ausrotten wollen.

Warum ist der Wolf im italienisch-französischen Westalpenbogen offenbar weniger ein Problem als bei uns in den Ostalpen?

Anders als bei uns, in Südtirol oder in Österreich, ist die Berglandwirtschaft schon kaputt. Die Täler sind entvölkert und leer, alles ist zugewachsen. Es gibt wenig Landwirtschaft in den höheren Lagen. Dort kann der Wolf herumstreunen. Die einzelnen Schäfer, die dort herumziehen, werden für ihre Verluste entschädigt. Das ist ihr letztes Einkommen. Aber hier bei uns funktioniert die Berglandwirtschaft noch! Die Bergbauern sind noch geblieben – das müssen wir als einen Wert sehen. Das ist auch ein politisches Verdienst der ÖVP und der SVP in Südtirol.

Welche Konsequenzen hätte denn eine Wiederansiedlung? 

Der Tourismus ist bei uns auch deshalb erfolgreich, weil die Landwirtschaft in den Bergen aufrechterhalten wurde. Das muss man der ÖVP zugestehen. Es wird alles bearbeitet, es ist alles sauber. Ich bestehe darauf, dass die Schönheit unseres Landes aus der Summe der Teile besteht. Es ist das Gesamte von den Felsen und Bergen herunter auf die Almen bis in die Täler und Dörfer. Ein Rudel Wölfe würde dieses Gefüge zerstören, weil die Viehhaltung, die diese Landschaft erst möglich macht, viel zu teuer käme. Die Hunde-Methode und die Hirten – das kostet. Früher hat Arbeit nichts gekostet – heute kann sich kein Bergbauer einen Knecht leisten und nur mehrere Bauern zusammen einen Hirten.

 

 

Herdenschutz zu teuer: Der Schutz von Schafen, Ziegen & Co. mit Hunden und Hirten kostet viel Geld.

Die Bauern leiden dennoch an den Vorurteilen und am Unverständnis der Gesellschaft.

Ich habe in meinem Beruf alles getan, um die Bauern hochzuhalten. Bauern haben große Arbeit geleistet. Ich sehe aus 200 Metern Entfernung, ob ein Hof funktioniert. Was verödet, das verkommt.

Der Wolf ist abschussgeschützt. Sollten die Jagdgesetze in intensiv genutzten Regionen entsprechend angepasst werden?

Es gehört ein Gesetz gemacht, das es erlaubt den Wolf abzuschießen. Die Bauern werden ohnehin kurzen Prozess machen, wenn ein Wolf auftaucht, der Probleme macht. Aber wenn Bauern und Jäger deswegen bestraft werden, dann kriegen alle ein Problem. Die einen müssen die anderen verstehen. Es geht in der Politik immer um Kompromisse und eine friedvolle Gesellschaft.

Vor dem Hintergrund, dass sich Wölfe exponentiell vermehren und die Rudelbildung ohne regulierende Eingriffe rasant voranschreiten würde, sind Sie dafür, dass Behörden – etwa in den Ostalpen – rasch reagieren und die Wölfe bejagt werden dürfen? 

Wenn einmal ein Rudel da ist, dann werden es schnell viele. Die Wölfe reißen ja heutzutage nicht mehr kranke und alte Wildtiere. Sie sollten zum Abschuss freigeben werden.

Wir danken für das Gespräch.

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Messner, geb. 1944, Extrembergsteiger, Museums-Macher in Südtirol & Belluno (mit den Standorten Firmian-Bozen, Juval-Naturns, Ortles-Sulden, Corones-Kronplatz, Dolomites-Cadore und Ripa-Bruneck); Der 73-Jährige besitzt in Südtirol 3 Bergbauernhöfe. Von 1999 bis 2004 saß Messner für die italienischen Grünen im EU-Parlament. Verheiratet, 4 Kinder.